Dinge, die mir auf den Zünder gehen

Wir alle mögen Modellbahnen. Einige, weil sie nicht über ihre Kindheit hinwegkommen, die Anderen weil sie Modellbahnen nicht als Kinderspielzeug betrachten. Aber alle leiden unter der Technik, die auch noch nicht über die Zeit ihrer Kindheit hinweggekommen ist. Und das sind die Dinge, die mir wirklich auf den Zünder gehen.

  • DCC: Versteht mich nicht falsch. Ich bin auch ein Anhänger dieses Digitalsystems, da es sich über viele Jahre hinweg als vergleichsweise robust herausgestellt hat. Also genau genommen nicht über ein paar Jahre, sondern über 30 Jahre. – 1985 hat man das erste mal von einer digitalen Mehrzugsteuerung der Firma Lenz gehört. Wir fahren mit Technik die 30 Jahre alt ist. Sind wir mal ehrlich: Die Idee ist nicht schlecht, jedoch als sie Anfang der 90er Jahre durch die NMRA zum Standard erklärt wurde, bereits veraltet. Zur Steuerung gab es damals schon tolle Bussysteme die selbst mit fahrenden Komponenten hätten umgehen können. Multiplexsysteme oder einfache serielle Datenprotokolle, die schneller, bidirektional und billiger gewesen wären. Denn nach wie vor gibt es keine manierliche Möglichkeit ein Direct Memory Access für DCC zu programmieren. Alle müssen mit 56µs Timerinterrupts rumpfriemeln.
  • MFX: Versteht mich nicht falsch, die Zeit war reif, mal ein neues System auf den Markt zu bringen (siehe oben), aber wieso macht ihr Pfeifen von Entwicklern den gleichen Sch… nochmal? Ja – mfx ist eine Fortschritt. Aber nur, wenn man vorher nur mit Motorola gefahren ist, das technisch nochmal 20 Jahre hinter DCC herhing. Kein Mensch braucht eure Loks, die sich übers Gleis an der Anlage anmelden, denn das konnten wir schon mit RailCom und haben es nicht gemacht. Jetzt können wir auch noch sagen wieviel Wasser und Kohle sie noch haben. Wir spielen hier kein Monopoly, sondern wollen vernünftig unsere Eisenbahn steuern! Aber da hat Göppingen gleich ne neue brandheiße Idee: Die Dekoder werden verpflichtend eingebaut, damit man bloß nicht um die neuen Zentralen herumkommt. Klar DCC geht auch noch, ist aber immer noch Grütze.
  • WLAN: Ja, my dear mister singing club! Endlich blickt mal jemand wo der Hase läuft. Versteht mich nicht falsch, wir brauchen WLAN mindestens genauso wie WLAN uns braucht. Der einzige Haken ist, dass keiner weiß wo man anfangen soll. Die Teile sind verfügbar und günstig, die Entwickler sind reichlich und motiviert, die Übertragungsstandards sind vorhanden und funktionieren. Aber wieso macht denn niemand was? Weil alle Angst haben, am Ende allein da zu stehen und mit niemandem mehr fahren zu können? Weil jeder seine Loks unkontrollierbar Richtung Prellbock rauschen sieht, weil der Access-Point lieber ein stylisches Gehäuse statt guter Antennen hat? Seid doch mal mutig und schaut über den Tellerrand. Dies ist das Jahr 2017.
  • Motoren: Was genau stimmt eigentlich mit den Großserienherstellern nicht? Versteht mich nicht falsch, die guten alten Motoren machen ja schließlich genau das was sie sollen, aber irgendwie nicht besonders gut. Müssen wir wirklich noch so große Rücksicht auf die Trafofahrer nehmen? Wenn wir unsere Loks schon mit allermöglichen Elektronik vollstopfen die keiner benötigt (siehe oben), wieso denn dann nicht auch mit einer vernünftigen Motorregelung? Bürstenmotoren sind eigentlich nur noch bei unseren Modellbahnen zu finden. Und wieso? Weil die Bürsten so schön warm werden? Weil wir lieber prasselndes Feuerwerk als Drehmoment haben? Selbst die billigsten Automodelle, Flugmodelle, Drohnen und was nicht alles fahren mit bürstenlosen Drehfeldmotoren und haben Wirkungsgrade jenseits der 90 %. Mit Power bei niedrigen Drehzahlen und mit gleichmäßigen Laufeigenschaften. Wieso erzählen Leute ständig, dass sie Booster mit 20 Ampere brauchen, damit sie in Doppeltraktionen fahren können? Steht da nicht eventuell eine Lok falschherum bei euch? Oder regeln sich da die verschiedenen Dekoder selbst aus? Kann man zwei kompensierend regelnde Systeme gemeinsam betreiben? Nein – das funktioniert nicht! Egal wie schlau die Dekoder sind, sie können nicht unterscheiden, ob da eine andere Lok zieht oder der Zug so schwer ist. Wenn vier Loks sich gegenseitig an den Kupplungen reißen entstehen halt schonmal 20 Ampere, aber die setzt Ihr in Reibung und nicht in Vortrieb um. Drehfeldmotoren sind günstig, klein, stark und effizient. Außerdem kann man (sofern man Motoren mit gleicher Anzahl an Polen verwendet) alle gleich regeln, woraufhin dann auch alle gleich laufen. Wir müssen doch schon die Technik überlisten und kompliziert über Messung der induzierten Ströme die PWM gegenregeln lassen. Da ist doch ein neues Konzept vielleicht ne vernünftigere Idee.
  • Preise: Womit rechtfertigt Ihr eigentlich eure Preisgestaltung? Versteht mich nicht falsch, natürlich kann nicht jeder mit einem Lötkolben umgehen und seine Digitalkomponenten selber basteln. Aber wieso wird das exakt gleiche Modul, das vor 15 Jahren mal 60 € gekostet hat, heute für 64 € gehandelt? – 15 Jahre alte Technik! Was verkauft Ihr da? Den Charme der frühen 2000er Jahre mit ihren Jamba-Sparabos? Was kostet an einem Lokdecoder mit 4 MB Soundspeicher 180 €? Die Sounds? – Die können es nicht sein, denn man kauft die Samples und die Programmierung ja extra. Sind es diese Speichermassen? 4 MB – Potzblitz! Ich wette meine elektrische Zahnbürste hat mehr. Eine Digitalzentrale mit einem vierstelligen Preisschild. Seid ihr Hollister? Na klar, die Fernbedienung ist natürlich nicht ganz billig, aber die ist dann ja auch nicht dabei!

…to be continued

Nächstes mal: ‚Was kann ich bei hohem Blutdruck tun?‘

3 thoughts on “Dinge, die mir auf den Zünder gehen

  1. hallo Julian,

    DCC braucht niemand – Jupp, so isses
    WLAN macht niemand was – nein, das stimmt nicht, nur der überwiegende Teil zerredet alles…
    Motorensteuerung vorsintflutlich – Jupp, stimmt, muss mit WLAN aber nicht mehr sein
    Preise – nun, der Markt bestimmt die Preise… warum kaufst du zu solchem Preis?

    wir können uns gern weiter unterhalten 😉
    lg Thomas

  2. Moin Julian,

    ich stimme Dir (fast) überall zu. Soweit ich die Themen überhaupt begreife. 🙂
    Nur die Diskussion mit den 20A-Boostern hatte ich kürzlich mit einem recht nachen Verwandten von Dir. Diene US-LokKombi F7 ABBA braucht vielleicht 4-5 A somit haste Recht, Nur die Originalen Personenwagen (oder Streemliner) ziehen für ihre Beleuchtung 700mA je Wagen, da kommen bei einem Zug von 11 Wagen über 7A zusammen ohne, daß die Loks fahren. Wenn die Loks dann noch Bergan losfahren landet man schnell über 10A.
    Okay. auf LED ümrüsten wäre möglich, da ich z.Zt. nur 20€ für einen Booster + Stromversorgung zahle, setze ich meine Zeit für wichtigere Dinge ein. Sollte mal ein Wagen oder eine Lok sich festschweißen, denke ich wahrscheinlich anders. 🙂

    Gruß

    Harald

  3. Kann ich alles auch so unterschreiben, was Dir auf den Zünder geht – gerade auch was Produktbindung (ich würde es als Fesselung bezeichnen wollen) und Preisgestaltung angeht.

    Im Grunde genommen sind die Modellbahner (ich fasse jetzt mal alle zusammen) Entwicklungsland, weil überaltert und damit wenig aufgeschlossen für Neues – Ausnahmen bestätigen die Regel. Als wir z.B. mit Funk begonnen hatten, holten wir uns Rat von Leuten, die schon seit Jahren/Jahrzenhten erfolgreich als Modellboot- oder Modellflugzeugführer unterwegs sind und die sich darüber amüsierten, daß wir vor Ausstellungsbeginn erst unsere Schienen schrubben mußten.

    neblige Grüße aus Waldau

    Uwe

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